Vor etwas mehr als zwanzig Jahren fing es an …

Als ich im September 1989 als Korrespondent in den Sowjetunion ging, gab es noch kein Internet. Das Fax-Gerät, das ich im Supermarkt in Bremen für immerhin 1.000.- DM gekauft hatte, war vermutlich eines der ersten in Moskau überhaupt. Leider war es darum in den ersten Jahren das sinnloseste Möbelstück im Korrespondentenbüro in Moskau. Zumal auch das Telefonieren und Faxen aus dem westlichen Ausland nicht zu den Selbstverständlichkeiten gehörte.

Telekommunikation nach der Stagnationsperiode –
Express-Ferngespräch nach 12 Stunden Wartezeit

Auslandsgespräche aus Moskau in den Westen mussten beim Telefonamt angemeldet werden. Die Anmeldeprozedur selbst war langwierig. Bis das bestellte Gespräch zustande kam, verging eine unbestimmbare Zeitspanne, von der man nur wusste, dass sie relativ sicher mindestens drei Stunden dauern würde, manchmal aber auch 10 Stunden oder sogar noch länger. Wenn eine Leitung zustande kam, konnte man meistens, aber leider auch nicht immer, die Stimme am anderen Ende verstehen.

Aus dem Westen nach Moskau anzurufen oder ein Fax zu schicken war ähnlich schwierig. Manchmal dauerte eine Anrufprozedur eine Stunde lang, manchmal aber auch einen Tag lang. Das war de facto den heimischen, gestressten Redakteuren in ihrem Termindruck völlig unmöglich.

Das alles machte aktuelle Berichterstattung für deutsche Radios relativ kompliziert. Kollegen in Peking waren schnell zu erreichen. Korrespondenten in Moskau nicht. Dabei war die real existierende Isolation des sowjetischen Telefonsystems eigentlich keine Gemeinheit des KGB (der natürlich alle Gespräche abhörte), sondern eher bedingt durch die allgemeine Schwäche des Telefonnetzes. Nach Wladiwostok oder nach Krasnodar zu telefonieren, was fast genauso beschwerlich, wie ein Anruf in Deutschland (West).

Die Alternative zu Fax und Telefon hieß Telex

Es gab allerdings eine Alternative namens Telex. Das Telexgerät – wir hatten eines der modernsten überhaupt, d.h. einen der Vertreter der höchsten und letzten Generation dieser inzwischen fast vergessenen Technologie – glich einer großen mechanischen Schreibmaschine mit einem Lochstreifenlesegerät und einem Monitor. Es funktionierte im Prinzip so ähnlich, wie heutzutage ein Internet-Chat, machte nur erheblich mehr Lärm.

Bei redaktionellen Absprachen half dies, für Radioberichterstattung war es aber auch keine gute Lösung.

Aber der technische Fortschritt war nicht aufzuhalten

Aber Michail Gorbatschow, die Perestroika, Boris Jelzin und der technische Fortschritt waren nicht aufzuhalten.

Anfang des Jahres 1991 ergab sich ein geradezu genialer neuer Weg beim Telefonieren. Er beruhte darauf, dass man von Moskau aus von jedem Ortsnetztelefon direkt und ohne Vermittlung des Amtes direkt in Helsinki anrufen konnte. Dies war eine Besonderheit der Spätphase der Sowjetunion. Der Grund war, dass Helsinki auch für Sowjetbürger tatsächlich der nächst beste Vergnügungs- und Einkaufsort für Westwaren war. Ganz Helsinki war sozusagen ein einziger großer Valuta-Shop respektive Berioska-Laden. Helsinki war das Licht am Ende des Tunnels.

Die Telefonnummern von Nachtklubs und Restaurants in Helsinki waren sogar in dem Telefonverzeichnis von „Moscow Information“ eingetragen.

„Moscow Information“ war das erste und einzige öffentliche Telefonverzeichnis Moskaus, in dem der „Intourist“, Korrespondent oder Diplomat die Telefonnummern aller Botschaften, Auslandskorrespondenten und ausländischer Institutionen in Moskau finden konnte.

Radiokorrespondentenberichte aus Moskau – via Helsinki

Anfang des Jahres 1991 bot ein sowjetisch-amerikanisches Joint-Venture die sensationelle Möglichkeit an, über das Moskauer Ortsnetz zum Ortstarif eine Telefonvermittlung in Helsinki anzurufen, die im Ton-Dial-Verfahren steuerbar war – so wie die verschiedenen Billig-Telefonie- und Internettelefonie-Anbieter heute. Man konnte also via Helsinki jede beliebige West-Nummer im Handumdrehen anrufen und sogar dank der gut ausgebauten Leitung von Moskau nach Helsinki meistens den Gesprächspartner gut verstehen.

Bis zum Internet war es noch weit, aber dies war doch der Quantensprung in der Kommunikationstechnik, der es mir möglich machte, in ungeahnter Intensität und Aktualität aus der Schlussphase der Perestroika zu berichten. Über die Umtriebe im Politbüro und ZK der KPdSU, über den Augustputsch 1991, die Sowjet-Junta, Gorbatschows Hausarrest, Jelzins leichten Sieg und den endgültigen Zerfall der Sowjetunion.

Combox – noch ein Quantensprung in der Kommunikation mit dem Westen

In den folgenden Jahren bot die Combox-Berlin eine noch bessere und schnellere Möglichkeit der Kommunikation mit den Heimatredaktionen. Sie verband via Telefonleitung in einer Art Intranet Moskauer Korrespondenten mit bestimmten Redaktionen, die die Berichte aus Moskau nicht mehr mühsam vom Telex, dem Fax oder der Telefongesprächsaufzeichnungsanlage abschreiben mussten, sondern formatgerecht ins Redaktionssystem eingespeist bekamen.

In den 90iger Jahren war ich nicht nur Korrespondent für deutschsprachige Privatradios in Deutschland, der Schweiz und Österreich, sondern auch Korrespondent für Focus, Forbes, Berliner Zeitung und andere Tageszeitungen.

Unsere Presseagentur RUFO hatten wir (Gisbert Mrozek und Natalia Aljakina-Mrozek schon 1992 gegründet. Aber erst 1998 (genau genommen am 3.4.1998) war es dann so weit, dass wir unter der Adresse www.rufo.ru erstmals unsere Informationen und Bilder auch im Internet anbieten konnten.

RUFO: Familienzuwachs

Seit dem Herbst 1999 wurde in meinem Auftrag das Programm für die Internetzeitung www.moskau.ru erstellt. Im März 2000 ging Moskau.ru online (damals als Hauptstadtzeitung aber mit vollwertiger Russland-Berichterstattung). Im März 2001 kam Petersburg-Aktuell dazu. Seit Ende 2000 initiierte und organisierte ich den Internetauftritt des Petersburger Dialogs, der erstmals im April 2001 online ging. Im Herbst 2002 konnte das Fachportal „Energieforum.ru“ online geschaltet werden.

Im Frühsommer 2003 trennte ich mich von einer Programmierergruppe in dem Provinzstädtchen Tarusa, die in meinem Auftrag gearbeitet hatte aber unterqualifiziert war. Die Qualifikation reichte aber immerhin dafür, die gut eingeführte Internetadresse unserer Russlandausgabe zu kapern. Später wurden unter dieser Adresse Kopien des deutschsprachigen Dienstes der Agentur RIA Nowosti angeboten.

Befreit von altem Ballast ist RUFO zu einem Kompetenzzentrum für Internetauftritte und Präsentationen geworden. RUFO-Korrespondenten arbeiten ständig in Petersburg, Kaliningrad und sind überall in Russland vor Ort, von wo berichtet werden muss. Es sind fast ausschließlich deutsche Autoren, die seit Jahren professionell in Russland arbeiten und leben.

Russland-Aktuell , Moskau-Aktuell (moskau.ru), Petersburg-Aktuell und Kaliningrad-Aktuell bürgen für Tiefgang, Qualität und Aktualität einer Russland-Berichterstattung ohne Klischees und Vorurteile.

Für unser Netzwerk und unsere Leser gehören Kommunikationstechniken zum Alltag, von denen wir 1989 nur träumen konnten.

Gisbert Mrozek, Moskau, 2006

PS.: Dieser ziemlich alte (aber durchaus korrekte) Text wird nach dem Umzug auf diese neue Plattform demnächst aktualisiert und auch durch neue Texte ergänzt

Kategorie: Allgemein, Aktualisiert am 30. Oktober 2009 von Gisbert Mrozek | Anmelden